crossrelations
Suche
Ein gelbes "Vorsicht nass" Schild auf einem Holzboden symbolisiert Arbeitsschutz.

„Erst in Gemeinschaft blüht das Gehirn so richtig auf“

Safety Days, Sicherheits-Parcours, Plakatkampagnen oder sogar die Theaterbühne in der Kantine – Unternehmen bespielen ein breites Repertoire an Instrumenten, wenn es darum geht, Mitarbeiter zur Beachtung von Arbeitssicherheitsregeln zu gewinnen. Tatsächlich gelten an vielen Arbeitsplätzen organisatorische und technologische Mittel als weitgehend ausgereizt. Im Mittelpunkt steht heute weithin die Herausforderung, mit präventiven Angeboten auf das sicherheitsbezogene Verhalten von Mitarbeitern Einfluss zu nehmen. Das erweist sich allerdings als harte Nuss. Denn beim Arbeitsschutz geht es um die Beachtung von Regeln und das Lernen von Verhaltensweisen und damit um Ziele, die bei den meisten Menschen nicht unbedingt auf ein lustvolles Feedback stoßen.

Wo also muss man ansetzen, um Menschen zu motivieren, Neues zu lernen, Dinge anders zu sehen und sich schließlich anders zu verhalten? Klar ist immerhin, dass Kommunikation eine Schlüsselrolle dabei spielt. Wir wollten es genauer wissen und haben uns von  dem Neurowissenschaftler und Hirnforscher Henning Beck einmal erklären lassen, wie unser Gehirn mit Kommunikationsangeboten zum Thema Arbeitssicherheit eigentlich umgeht.

Herr Dr. Beck, wie schnell verankert sich eine Botschaft dauerhaft im Gehirn? Oder anders formuliert: Ist es eine Frage der Dauer eines Kommunikationsangebots, zum Beispiel einer Kampagne, um das Bewusstsein für die Thematik nachhaltig zu erhöhen?

Das Gehirn kann manche Dinge schon nach einem einzigen Mal dauerhaft speichern. Voraussetzung dafür ist: Es muss neu und anders sein und emotional aufregen, am besten mit einem positiven Gefühl. So ein Aha-Moment kann dann den Startschuss geben, damit man sein Verhalten nachhaltig überdenkt. Diesen Startimpuls kann man anschließend mit kleinen Maßnahmen wirksam am Laufen halten.

Wie wichtig ist Abwechslung in der Kommunikation, um ein dauerhaftes Interesse zu erreichen?

Für erfolgreiche Kommunikation gibt es zwei Grundregeln: Sie sollte vielfältig und persönlich sein. Je abwechslungsreicher der Informationsaustausch, desto besser bleibt die Botschaft hängen. Am besten nutzt man also unterschiedliche Medien, verwendet Bilder, Texte, Filme – und persönlichen Austausch. Denn für das Gehirn gibt es nichts Spannenderes als mit anderen Menschen zusammen zu sein. Das persönliche Gespräch, der menschliche Kontakt ist immer noch die beste Methode um Interesse zu erzeugen und dauerhaft eine Botschaft zu verankern. 

Wie muss demnach eine gute Kampagne für Arbeitssicherheit aufgebaut sein?

Zum einen setzt sie auf starke Bilder, mit denen sich die Mitarbeiter identifizieren können. Unser Gehirn nimmt wichtige Informationen am besten auf, wenn sie in guten Geschichten stattfinden. Gute Geschichten, das sind oftmals viele Worte, die man lesen muss. Ein Bild sagt jedoch bekanntlich mehr als 1000 Worte und lässt sich dabei auch noch schnell erfassen.

Zum anderen sollte die Kampagne ein Wir-Gefühl erzeugen, das dazu beiträgt, dass die Botschaften in den Köpfen hängen bleiben. Denn das Gehirn blüht in Gemeinschaft erst so richtig auf. Durch die Ansprache aller Mitarbeiter fühlt sich der Einzelne als Teil einer Gemeinschaft. Er bekommt das Gefühl, die Leitlinien für den Arbeitsschutz nicht nur für sich, sondern auch für andere anzuwenden.

Können wichtige Themen wie Arbeitssicherheit über spielerisches Lernen, heute ist auch von „Serious Games“ die Rede, vermittelt werden? Werden auf diese Weise erlernte Informationen vom Gehirn tatsächlich auch besser abgespeichert?

Im Spiel können wir gefahrlos Dinge ausprobieren und so viel ungezwungener lernen. Das Spiel schafft einen geschützten Ort, an dem wir uns mehr trauen und so typische Lernhemmungen abbauen: Spielen motiviert und ist oft von einem starken persönlichen Austausch geprägt. Das hilft uns, neue Handlungen schnell zu verstehen. Spielen allein reicht zwar nicht, um Dinge umfassend zu lernen. Aber sie bieten eine tolle und abwechslungsreiche Ergänzung zum üblichen Fortbildungs- und Lernprogramm.

Stichwort Routine am Arbeitsplatz. Ist sie nun eher Freund oder Feind der der Arbeitssicherheit?

Sowohl als auch. Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich bei Routinen um Abkürzungen, die sich das Gehirn baut, um erlernte und verinnerlichte Abläufe mit weniger Aufwand durchzuführen. Als geübter Autofahrer müssen wir uns beispielsweise nicht mehr auf das Schalten und Lenken konzentrieren. Wir fahren so gesehen automatisiert. Das strengt uns weniger an.

Das ist einerseits gut, birgt aber andererseits auch Risiken, da wir dann nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit an den Tag legen. Ein Beispiel dafür wäre die Fahrt von der Arbeit nach Hause. Wenn man sich beim Einparken wundert, wie man überhaupt hierherkam, fuhr man routiniert, aber damit eben auch geistesabwesend – und damit unsicher – heim.

Wie kann man der Unaufmerksamkeit entgegenwirken?

Es reicht aus, vor Beginn einer bekannten Handlung kurz innezuhalten und es sich bewusst zu machen, dass nun eine neue Routine-Situation beginnt. Sei es vor dem Anlegen der Arbeitskleidung oder vor dem ersten Handgriff am oder mit dem Arbeitsgerät. Wenn wir uns wissentlich in eine Routine begeben, bleibt die Aufmerksamkeit erhalten, das Unfallrisiko aber sinkt.

Über unseren Experten:

Henning Beck vor einem schwarzen Hintergrund

Henning Beck wurde 1983 an der südhessischen Bergstraße geboren und studierte Biochemie in Tübingen. Nach seinem Diplom promovierte er an der dortigen Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience. Er arbeitete an der University of California in Berkeley, publiziert regelmäßig in der Wirtschaftswoche und im GEO-Magazin und hält Vorträge und Workshops zu Themen wie „Neurobiologie und Kreativität“. Henning Beck lebt in Frankfurt und ist am dortigen Scene Grammar Lab tätig. Im Februar 2017 erschien bei Hanser sein neuestes Buch „Irren ist nützlich“, in dem er aufzeigt, warum es die Denkfehler des Gehirns sind, die uns schließlich weiterbringen.

Auf unserer Themenseite Arbeitsschutz können Sie auf dem Blog tiefer in unser Verständnis eintauchen.